Über Architekten und Künstler.

In der letzten Zeit bin ich mehrfach in meinem Freundes- und Kollegenkreis auf Konflikte gestoßen, die in der Rationalität, mit der Entscheidungen (nicht) getroffen wurde, begründet waren. Da ist zum einen ein Kollege, der mit 45 Jahren alles erreicht hat, was er sich als Ziele im Leben gesetzt hatte. Auf diese Ziele hat er sein Leben lang hingearbeitet und alles erreicht, was er sich erträumt hat. Nun fühlt er sich am Scheideweg und weiß nicht, wie es weitergehen soll, welches Leben er nun verfolgen soll, wo er keine Ziele mehr hat. Und da ist meine Freundin Fanny, die sich so sehr ein Kind wünscht, aber ihren zwanzig Jahre älteren Mann nicht davon überzeugen kann, dass es den richtigen Zeitpunkt für ein Kind einfach nicht gibt.

Da gibt es manche Menschen, die leben ihr Leben planvoll, rational, mit einem (oder vielen) klaren Ziel(en) vor Augen, die nur darauf warten, auf der imaginären To-Do-Liste abgehakt zu werden. Architekten nenne ich diese Menschen gern. Sie haben ein klares Lebensziel vor Augen und richten all‘ ihre Schritte auf die Erfüllung dieses Zieles aus; machen einen Entwurf ihres Lebens, planen akribisch all‘ die kleinen Schritte, die auf dem Weg zum Erreichen des großen Zieles erledigt werden müssen. Was nach dem Erreichen des Lebensziels kommt, bleibt (zunächst) unklar.

Und da gibt es die Menschen, die sich ins Leben werfen, ohne rechten Plan, ohne übergeordnetes Ziel, und einfach versuchen, so viel wie möglich zu leben. Ich nenne sie Künstler. Sie entscheiden aus dem Bauch heraus, manchmal vorschnell, manchmal vielleicht naiv. In ihrem Leben ist wenig klar, wenig geplant, es gibt wenig Sicherheiten.

Wie bei so vielen Dingen im Leben ist die Entscheidung für oder gegen eine gewisse Lebensweise, wenn es eine solche aktive Entscheidung überhaupt gibt, nicht so schwarz-weiß zu sehen, wie sich meine Kategorisierung auf den ersten Blick anhören mag. Ganz im Gegenteil. Die meisten Menschen sind in dem einen Kontext ein Architekt, in einem anderen ein Künstler. Und überhaupt gibt es wahrscheinlich zuhauf künstlerische Architekten und Künstler, die sehr planvoll vorgehen.

Ich habe mich in der letzten Zeit, konfrontiert mit den Konflikten meiner Freunde und Kollegen, oft gefragt, wer ich eigentlich bin – Architekt oder Künstler. Und obwohl ich einen gewissen Kontrollzwang nicht leugnen kann, so habe ich mein Leben doch wie ein Künstler geführt. Nach der Sicherheit einer Ausbildung alles über den Haufen geworfen, auf mein Herz gehört und noch studiert, um Lehrerin zu werden. Privat die Reißleine gezogen – und mich trotz vermeintlich besseren Wissens ins Abenteuer gestürzt, um meinen jetzigen Mann kennenzulernen. Ins Ausland gehen, um diese Erfahrung im Leben nicht missen zu müssen – und dies nie zu bereuen. Als erste aus dem Freundeskreis zu heiraten – und kurz darauf ein Kind zu bekommen, mitten in meinem Referendariat und dem Studium meines Mannes (und auch dies nicht eine Sekunde zu bereuen!). Umzug von der Stadt aufs Land und ein zweites Kind, trotz Referendariat des Mannes. Ich liebe es unkonventionell, aber nicht um unkonventionell zu sein, sondern um so zu leben, wie ich es mir vorstelle. Ohne das „das macht man so (nicht)“ im Hinterkopf, ohne das Gefühl, Erwartungen erfüllen zu müssen, die nicht meine sind. Meine und unsere Entscheidungen waren immer überlegt und niemals lediglich einer Laune entsprungen – aber wir haben immer auf unser Herz gehört und getan, was sich in diesem Moment richtig anfühlte. Ein neuer beruflicher Weg. Eine Hochzeit während des Studiums. Ohne Rücklagen auf dem Konto ein Kind. Natürlich hätte es einfacher sein können, perfekter, mit einer durchgestylten Hochzeit, zusammen passenden Möbeln im Kinderzimmer, ohne finanzielle Sorgen (wobei es uns nicht eine Sekunde schlecht ging!). Aber das war mein, unser Weg – und so wird er auch weitergehen; als Künstler mit einem Hang zur Architektur.

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